11. März 2012

Alles muss perfekt sein

Zumindest finden das viele, wenn es um Dienstleistungen und Waren geht.

Aber gilt das auch für Bücher?

Muss ein Buch so glatt poliert sein, dass es keine Ecken und Kanten mehr zu entdecken gibt? Sollte ein Autor jedes nur erdenkliche Füllwort streichen? Was ist mit langen Satzmonstern? Dürfen die geduldet werden, oder muss man sie zwingend kürzen und umformulieren?

Fragen über Fragen, die einen Autor zur Verzweiflung treiben und den Schreibfluss nachhaltig hemmen können (und ich weiß, wovon ich rede, ich hab das alles schon durchgemacht und bin in diesem Moment auch wieder fleißig am Vor-mir-herschieben-weil-ich-Angst-vorm-Versagen-habe *seufz*). Viele stimmen sogar sicherlich zu und meinen, dass das Buch, das man dem Leser anbietet, so perfekt wie möglich sein muss. Hier sei es mal dahingestellt, ob ein Verlag diesen Anspruch hat, oder ein Schreiberling im Alleingang - das Endprodukt muss glänzen, keine Frage.

Aber wer braucht diesen "Glanz" wirklich? Der Leser, der sein Geld in uns investiert und ein paar Stunden guter Unterhaltung dafür erwartet, oder doch eher der Autor, der nie mit sich zufrieden ist?

Welcher Autor hat schon mal dran gedacht, dass das, was für uns nicht perfekt ist, für einen Leser ein fantastisches Erlebnis sein kann? Eine Reise in eine Welt, die ihn vollkommen gefangen nimmt?

In meinen Anfangszeiten, als ich noch Fanfictions und sogenannte "Originale" schrieb (damals gab es Kindle und all seine Möglichkeiten noch nicht), fand ich Leser, die ungeduldig auf die nächsten Kapitel gewartet haben, die mir Mails geschickt und mir tolle Fragen zur Geschichte gestellt haben. War ich damals "perfekt"? Ganz sicher nicht! Im Gegenteil, wenn ich heute diese alten Sachen lese, rollen sich mir teilweise die Fußnägel hoch ... und dennoch haben diese Geschichten es geschafft, die Leser mitzunehmen und sogar zu begeistern.

Aber warum? Wieso schaffen diese Geschichten mit all ihren Wortwiederholungen, Füllwörtern, unmöglichen Satzkonstruktionen und seltsamen Formulierungen das, was ich mir heute wünschen würde? Wie kann es sein, dass etwas so Unperfektes so intensiv auf den Leser wirkt?

Ganz einfach: Ich bin der festen Überzeugung, dass Leser mit der Geschichte auf eine Art resonieren, die beinahe unabhängig von der Schreibe ist. Klar, niemand braucht Rechtschreibfehler oder nervige Formatierungspatzer - die gehören in der Tat rigoros ausgemerzt, aber was den Rest angeht, muss jemand schon sehr, sehr schlecht sein, um komplett abgelehnt zu werden. Das, worauf es wirklich ankommt ist die Begeisterung, mit der das Buch geschrieben wurde. Leser spüren das, sogar wenn der Schreibstil relativ nüchtern ist. Ihnen ist es wichtig, zu erleben.

Wenn die Erzählung so spannend ist, dass man im Kopf Bilder sieht, kümmert es niemanden, dass mal eine Formulierung ungeschickt ist, oder ein Satz zu lang oder zu kurz. Alles was zählt ist das Abenteuer. Wer kennt nicht dieses wonnige Gefühl eines kalten Schauers oder eines aufgeregten Prickelns? Und wer hat noch nicht vor seinem geistigen Auge weite Länder oder enge, belebte Gassen entstehen sehen? Wieviele von euch wünschen sich, einmal einem Romancharakter im wirklichen Leben begegnen zu können?

Schreiben ist ein wunderbares Handwerk, das viele Autoren sinnlich und aufregend finden, auch wenn es harte Arbeit ist. Lesen dagegen ist im Normalfall frei von Arbeit und Druck. Man will der Wirklichkeit entkommen und wartet nur darauf, fremde Orte und Menschen kennen zu lernen.

Interessiert es mich als Leser, wie lange ein Autor an dem Buch gesessen hat? Wohl kaum. In erster Linie interessiert mich die Geschichte. Erst danach mache ich mir Gedanken zum Stil und anderen Dingen, die den Autor und seine Arbeit betreffen. Perfektion bei Büchern ist sehr, sehr subjektiv, und deshalb sollten Autoren zwar ihr Bestes geben, aber sich nicht diktieren lassen, welche Stilmittel richtig oder falsch sind. Das kann von Geschichte zu Geschichte unterschiedlich sein. Was im Agententhriller angenehm knapp und schnörkellos ist, käme in einem Liebesroman gar nicht an.

Deshalb plädiere ich dafür, als Autor die Perfektion einmal beiseite zu lassen und erst einmal nur zu schreiben. Schreiben macht Spaß, es ist schön, und es erlaubt uns, unsere Träume und Ideen mit vielen anderen Menschen zu teilen. Selbst wenn der erste Entwurf noch Mängel hat, so kann man diese später korrigieren. Denkt nur dran, nicht alles von der ursprünglichen Vision wegzukürzen und herauszuschneiden. Erlaubt euch ein bisschen Freiheit und genießt es, individuell zu sein. Leser brauchen keinen hundertsten Abklatsch von Stephenie Meyer oder J.K. Rowling. Sie brauchen euch, für einen frischen Wind im Bücherhimmel :-)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen